Verdünner zuzugeben, damit kalte Farbe läuft, ist die häufigste undokumentierte Änderung auf der Baustelle. Was sie an Schichtdicke und Haftung kostet.
Die Farbe kommt mit 12 °C an, die Airless-Pumpe kämpft, und jemand gibt Verdünner zu, bis es spritzt. Der Termin wird gehalten, und im Bericht steht, dass das ausgeschriebene Produkt verwendet wurde. Nichts dokumentiert, dass die Volumenfestkörper an der Wand acht Prozent unter dem lagen, was die Spezifikation annahm, und dass das nun im Film eingeschlossene Lösemittel über die nächsten zwei Jahre langsam entweichen wird.
Warum Verdünner keine freie Variable ist
Eine Beschichtung ist ein abgestimmtes System aus Bindemittel, Pigment, Lösemittel und Additiven. Die Lösemittelmischung steuert die Viskosität, aber sie steuert auch, wie der Film entsteht.
- Volumenfestkörper bestimmen die Trockenschichtdicke. Ein Produkt mit 68 Prozent Volumenfestkörper ergibt bei 200 µm nass etwa 136 µm trocken. Um zehn Prozent verdünnt liefert derselbe Nassfilm nur noch rund 122 µm. Die Spezifikation hat sich nicht geändert, der Schutz schon.
- Lösemittel muss entweichen. Jeder Liter zugesetzter Verdünner wird zu Lösemittel, das vor der Inbetriebnahme aus dem Film diffundieren muss. In einer dicken Schicht auf kaltem Untergrund bleibt ein Teil zu lange darin: Er weichmacht den Film, mindert die Haftung und kann bei Immersion zu Blasen führen.
- Die Lösemittelmischung ist auf das Bindemittel abgestimmt. Epoxid, Polyurethan, Chlorkautschuk, Acryl und anorganischer Zinksilikat brauchen unterschiedliche Anteile an Aromaten, Estern, Alkoholen und Ketonen. Die falsche Familie führt zu schlechter Auflösung, Pigmentsedimentation oder einem Film, der nie seine volle Härte erreicht.
Der Fall, der am häufigsten schiefgeht
Anorganischer Zinksilikat ist der Klassiker. Er ist zweikomponentig, die flüssige Komponente ist eine Silikatlösung, meist mit Alkohol oder Alkoholether, in der das Zinkpulver dispergiert ist.
- Ein Aromat wie Xylol löst ihn nicht. Xylol im anorganischen Zinksilikat fällt das Bindemittel aus. Das Produkt lässt sich vielleicht noch spritzen und versagt als mehliger, nicht haftender Film.
- Epoxid und Polyurethan sind ebenfalls nicht austauschbar. Ein Epoxidverdünner kann Alkohole enthalten, die mit einem feuchtigkeitshärtenden Polyurethan schlecht reagieren, oder Aromaten, die für manche Decklacke zu aggressiv sind.
- Das Datenblatt nennt den zugelassenen Verdünner und die Höchstzugabe. Dieser Wert liegt meist bei fünf Volumenprozent, manchmal bei null. Er ist keine Empfehlung und gilt nicht für alle Farbtöne einer Reihe gleich.
Warum trotzdem zugesetzt wird
- Kaltes Material. Die Viskosität verdoppelt sich etwa bei jedem Rückgang um 10 °C. Ein Produkt, das bei 23 °C spritzt, kämpft bei 10 °C mit der Pumpe.
- Lange Schläuche und kleine Düsen. Der Druckverlust über 30 m Schlauch verleitet den Verarbeiter, das Ventil zu öffnen, und Verdünner erscheint einfacher als eine andere Einstellung.
- Termindruck. Verdünnen geht schneller als Temperieren und sieht nach einer Lösung aus.
Was stattdessen zu tun ist
- Das Material heizen, nicht das Lösemittel. Ein Zweikomponentengerät mit beheiztem Schlauch, oder schlicht über Nacht bei 20 °C gelagerte Gebinde, stellt die Viskosität wieder her, für die das Produkt ausgelegt ist.
- Die Düse wechseln, nicht die Rezeptur. Eine größere Bohrung und mehr Druck bewegen ein viskoses Produkt. Die richtige Antwort auf eine Pumpe ohne Druckaufbau ist eine andere Düse.
- Schlauch kürzen oder Querschnitt erhöhen. Druckverlust ist ein Schlauchproblem und hat eine Schlauchlösung.
- Die Topfzeit respektieren. Verdünner verlängert sie nicht, in manchen Systemen verkürzt er sie. Geliert die Mischung, ist die Charge erledigt.
Wenn Verdünner wirklich nötig ist
- Nur den zugelassenen Verdünner verwenden. Keinen Universellen, nicht den Rest aus dem Fass der letzten Baustelle.
- Abmessen. Mit geeichtem Eimer oder Messbecher, nicht nach Gefühl. Die Menge gehört in den Tagesbericht.
- Das Nassfilmziel neu berechnen. Bei fünf Prozent Verdünner steigt die erforderliche Nassschicht für die vorgegebene Trockenschicht im gleichen Verhältnis. Teilen Sie dem Verarbeiter die neue Zahl mit.
- Dokumentieren. Produkt, Charge, Verdünnertyp, Menge, Temperaturen. Bei einer Schadensuntersuchung zwei Jahre später trennt dieser Eintrag einen Gewährleistungsfall von einer dokumentierten Abweichung.
Die Folge bei der Prüfung
Zu geringe Dicke durch Überverdünnung kündigt sich nicht an. Ein Messwert von 180 µm, wo 200 gefordert waren, besteht die meisten Stichproben und liegt in vielen Toleranzbändern.
Was sich ändert, ist die Zeit bis zur ersten Instandhaltung. Die Barrierewirkung ist nicht linear zur Schichtdicke: Die letzten 20 µm sind die, die die zusätzlichen Jahre kaufen. Ein für fünfzehn Jahre bei 200 µm ausgelegtes System kommt bei 180 µm vielleicht auf zehn, und niemand wird beides verbinden, weil der Verdünner an einem kalten Morgen zugesetzt und nie notiert wurde.
Die billigste Qualitätskontrolle auf einer Beschichtungsbaustelle sind ein Thermometer und ein warmes Lager. Die teuerste ist das Fass Verdünner, das niemand gezählt hat.